Heft 7, Juni 2002

ISSN 1438-9487

Am 1. Dezember 2001 wurde bei der Jahreshauptversammlung der Ernst Pepping-Gesellschaft ein neuer Vorstand gewählt. Diesem gehören – auf eigenen Wunsch – drei Mitglieder des alten Vorstandes nicht mehr an: Prof. Frank Michael Beyer, Dr. Burkhard Meischein und Prof. Peter Schwarz, denen wir an dieser Stelle unseren Dank für ihren Einsatz in den letzten Jahren aussprechen. Der neue Vorstand besteht aus Prof. Dr. Rainer Cadenbach (Berlin), Anselm Eber (Würzburg), Prof. Dr. Michael Heinemann (Radebeul), Prof. Dr. Sven Hiemke (Hamburg), Prof. Dr. Gerd Rienäcker (Mühlenbeck), Prof. Dr. Reinhard Schäfertöns (Cottbus), LKMD Christian Schlicke (Berlin) und Rainer Winkel (Minden).

In einer direkt nach der Jahreshauptversammlung abgehaltenen Vorstandssitzung sowie einer zweiten, am 15. März diesen Jahres stattgefundenen, wurden die Aufgaben wie folgt verteilt: Erster Vorsitzender ist Rainer Cadenbach, Professor für Musikwissenschaft an der Universität der Künste Berlin, zweiter Vorsitzender Michael Heinemann. Die Schriftführung und das Mitteilungsblatt liegen fortan bei Sven Hiemke, um die Finanzen und die Geschäftsführung kümmert sich zukünftig Reinhard Schäfertöns. Neu eingerichtet wurden die Bereiche Pressearbeit (Anselm Eber) und Mitgliederbetreuung (Rainer Winkel, Erikaweg 19 in 32429 Minden). Bitte wenden Sie sich zukünftig in allen die Mitgliedschaft betreffenden Belangen (Aufnahmeanträge, Adressänderungen etc.) an den letztgenannten. Beisitzer sind Gerd Rienäcker und Christian Schlicke.

Michael Heinemann, dem Vorsitzenden der vergangenen Jahre, gebührt besonderer Dank. Er hat der Gesellschaft zahllose, wichtige Impulse in Richtung einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Person und dem Werk Ernst Peppings gegeben, die vollständig aufzuzählen an dieser Stelle gar nicht möglich wäre. Es sei nur an die Schriftenreihe Pepping-Studien, das wissenschaftliche Symposium 2001 (vgl. S. 2f.) sowie das neue Werkverzeichnis (vgl. S. 4) erinnert. Doch auch das eigentliche Leben einer Gesellschaft, die zwischenmenschliche Begegnung, der Austausch auf allen Ebenen und die aktuelle Vergegenwärtigung aller Ernst Pepping betreffenden Belange lagen ihm am Herzen, man denke nur an die unter seiner Ägide ins Leben gerufenen, regelmäßigen Jahreshauptversammlungen, die von ihm organisierten Konzerte oder auch dieses Mitteilungsblatt. Es ist kaum übertrieben, zu sagen, dass durch die Arbeit Michael Heinemanns die Ernst Pepping-Gesellschaft überhaupt erst zum Leben erwacht ist, und wir freuen uns, dass uns seine Menschlichkeit, seine Begeisterungsfähigkeit und seine Kompetenz im Vorstand erhalten bleiben.

Bei der Vorstandssitzung am 15. März 2002 wurde seitens des neuen Vorsitzenden mit der Anregung und Unterstützung von Aufführungen Peppingscher Musik die wichtigste zukünftige Aufgabe der Gesellschaft benannt – hier können alle Interessierten in ihrem persönlichen und beruflichen Umfeld unmittelbar aktiv werden. In diesem Zusammenhang steht auch die Bitte an die Mitglieder, Aufführungsdaten, Rezensionen und weitere Informationen zu Konzerten o. ä. mit Musik von Ernst Pepping zu sammeln und dem neuen Vorstand zukommen zu lassen.

 

Wissenschaftliches Symposium anlässlich des 100. Geburtstages von Ernst Pepping (III)

(Dritte und letzte Folge des dreiteiligen Berichts über das vom 9. bis 13. Mai 2001 an der Hochschule der Künste Berlin in Zusammenarbeit mit der Ernst Pepping-Gesellschaft veranstaltete Symposium)

Die Beziehungen Ernst Peppings zu einigen zeitgenössischen Komponisten standen im Mittelpunkt der vorletzten Gruppe von Beiträgen. Zunächst referierte Ute Henseler, Berlin, über Pepping und Wolfgang Fortner. Beide Komponisten waren ursprünglich im Bereich der Kirchenmusik beheimatet, reagierten jedoch in der Zeit nach 1945 in denkbar unterschiedlichen Weisen auf das Ende des Zweiten Weltkriegs und die damit verbundenen – auch künstlerischen – Möglichkeiten zur Neuorientierung. Während Fortner einen grundlegenden stilistischen Wandel hin zur Zwölftontechnik vollzog und sich gern öffentlich zu seiner Musik äußerte, hielt Pepping nachdrücklich an seinen kompositorischen Grundlagen fest. Auch lehnte er es gegenüber Dr. Strecker vom Schott-Verlag, Mainz, schroff ab, seine Stilwende der Musik zu überarbeiten (was zur Folge hatte, dass sie nicht wieder aufgelegt werden konnte). Insgesamt zog er sich, anders als Fortner, künstlerisch sehr ins Private, Häusliche zurück, wovon die Titel einiger bewusst in Hinblick auf das heimische Musizieren angelegter Sammlungen wie Haus- und Trostbuch (1946) oder auch das Liederbuch nach Gedichten von Paul Gerhardt (1945/46), zu dem Pepping überdies eine starke geistige Verwandtschaft empfunden hat, ein beredtes Zeugnis ablegen.

Welten scheinen ebenso zwischen Pepping und Hanns Eisler zu liegen, wobei Gerd Rienäcker, Mühlenbeck, zu diesem Thema dennoch einige überraschende Einsichten anzubieten hatte. So litten beide Tonschöpfer unter den ihnen angehängt Etiketten, von denen sie sich zeitlebens nicht befreien konnten: Pepping als Vertreter evangelischer Kirchenmusik, Eisler als Musiker des Proletariats. Und ebenso wie Pepping die menschenverachtende Seite des Nationalsozialismus nicht sehen konnte, war Eisler blind für die Unmenschlichkeiten des sozialistischen Aufbaus. Beide Komponisten ertrugen die Unfähigkeit ihrer Zeitgenossen, sie angemessen – nämlich als autonome Künstler – zu rezipieren, nur schwer und reagierten auch in derselben Weise darauf: Sie verbitterten und stellten schließlich jegliche kompositorische Tätigkeit ein.

Genauso, wie es zwischen Pepping und Eisler keinerlei persönliche Beziehungen gab, hatten auch die wenigen Kontakte zwischen Pepping und Paul Hindemith rein geschäftlichen Charakter und waren daher auf ein Minimum beschränkt, wie Susanne Schaal, Frankfurt/Main, nachwies. Diese standen im Zusammenhang mit Aufführungen Peppingscher Musik in Donaueschingen (1926) und Baden-Baden (1929). Beide Komponisten missachteten einander in höflich-zurückhaltender Weise und unterschieden sich auch vom künstlerischen Standpunkt her erheblich: So war Peppings Musikanschauung durchaus von traditionellen Momenten wie etwa einer scharfen Ablehnung jeglicher Gebrauchsmusik geprägt, während Hindemith sich dezidiert gegen den überkommenen Konzertbetrieb wandte und Musik als mögliche Reaktion auf gesellschaftliche Verhältnisse ansah. Eigenartigerweise wurde an Peppings Musik in der Folgezeit dennoch häufig eine klangliche Nähe zu Paul Hindemith kritisiert, wie etwa im Zusammenhang mit seinem Streichquartett von Seiten Theodor W. Adornos.

Die letzten Referate des Symposiums befassten sich mit Peppings Dichtern, wobei zunächst Josef Weinheber im Mittelpunkt des Interesses stand. Michael Heinemann, Dresden, charakterisierte den 1892 geborenen Poeten als den repräsentativen Dichter des Dritten Reichs. Seine Ästhetik zielte auf die Beschreibung und Erhöhung des Heiteren, Bescheidenen und Einfachen, womit er Peppings Vorstellungen sehr entgegen kam. Dieser hatte zufällig auf einer Bahnfahrt Dichtungen des in Berlin nahezu völlig Unbekannten entdeckt und war spontan begeistert, ohne freilich – was typisch für ihn ist – die ideologisch verfänglichen Kontexte dieser Poesie wahrzunehmen. In der Folgezeit vertonte Pepping Das Jahr (1940) und Der Wagen (1940/41) nach Gedichten von Josef Weinheber aus dessen Sammlung O Mensch, gib acht für vier- bis fünfstimmigen gemischten Chor. Anke Tillmann, Detmold, beschäftigte sich daraufhin in ihrem Referat mit Peppings Der Wagen, wobei sie eine Fülle musikalischer und struktureller Details wie madrigaleske Satzelemente zur Verdeutlichung des Textes sowie die nahezu leitmotivische Verwendung einzelner, an bestimmte Worte gebundener musikalischer Elemente aufzeigen konnte. Die beiden Weinheber-Zyklen Peppings beziehen sich darüber hinaus komplementär aufeinander: Während im Wagen die verschiedenen Lebensphasen des Menschen sowie seine Umgebung, die Bedrohungen, denen er sich ausgesetzt sieht sowie die Rolle der Kunst dargestellt werden, sind es im Jahr die einzelnen Monate. Die Gesamturaufführung des Wagen am 16. Juni 1942 durch den Dresdner Kreuzchor unter Rudolf Mauersberger war überaus erfolgreich, wobei sich die – aufgrund der Textwahl – eindeutig ideologisch beeinflusste positive Kritik lediglich in offiziellen Parteiorganen nachweisen lässt.

Schließlich referierte Hans-Joachim Hinrichsen, Zürich, über Ernst Peppings Liederkreis für Chor nach Gedichten von Goethe Heut und ewig. Es ist seine umfangreichste sowie technisch anspruchvollste Chorkomposition und muss als eines der Hauptwerke im Sinne der in der zweiten Hälfte der vierziger Jahre von Pepping angestrebten Chorsinfonik, zu denen man auch den Passionsbericht des Matthäus und die Missa Dona nobis pacem zählen kann, angesehen werden. Der Gedanke an einen durchstrukturierten Zyklus ergab sich erst im Laufe der Arbeit an einer ursprünglich vorgesehenen, losen Folge von Goetheliedern. In der nun vorliegenden Form haben wir es mit einer hierarchischen Anordnung der vertonten Texte von heiteren und sogar derb-erotischen Inhalten hin zur gehobenen Stilebene der Venezianischen Epigramme zu tun. Den Rahmen bilden das einleitende, pantheistische Proömion, die antikisierenden Hymnen in der Mitte sowie die fünf Gesänge unter der Überschrift Paradiesisches am Schluss. Aufgrund der Synthese weltlicher und quasi-geistlicher Texte kann man den Titel Heut und ewig auch im Sinne eines umfassenden Gott und die Welt betrachten. Die Situation der Uraufführung am 16. Juli 1949 im Rahmen der – dezidiert West-Berliner – Feierlichkeiten zum Goethejahr an der gerade neugegründeten Freien Universität gewinnt so gesehen eine für das Verständnis des Zyklus nicht zu unterschätzende Bedeutung.

Die abschließende Diskussion machte deutlich, dass – zwanzig Jahre nach dem Tod Ernst Peppings – die Zeit für eine neue Beschäftigung mit seiner Person und seinem Werk gekommen ist, wofür allein die Vielfalt der Ansätze und Beiträge des Symposiums von Seiten überwiegend jüngerer Wissenschaftler, die eben nicht mehr seinem unmittelbaren Schülerkreis entstammen, ein schöner Beleg ist. Notwendige Grundlage hierfür wird allerdings die – leider immer mehr im Schwinden begriffene – Präsenz der Musik Ernst Peppings im Konzertleben und auf Tonträgern sein; gerade in dieser Hinsicht wird es in Zukunft für die Ernst Pepping-Gesellschaft viel zu tun geben. Der Dank aller Beteiligten galt den Organisatoren des Treffens, insbesondere aber dem Vorsitzenden der Gesellschaft, Michael Heinemann, ohne dessen selbstlosen und unermüdlichen Einsatz das Symposium zweifellos nicht zustande gekommen wäre.

 

Kurz notiert...

Die Evangelische Kirche des Rheinlandes veranstaltete vom 17. bis 20. September 2001 in Kaub am Rhein eine Studientagung für Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker zum Thema Ernst Pepping. Auf dem Programm standen u. a. Vorträge zu Leben und Werk (Prof. Dr. Michael Heinemann), gemeinsame Proben mit Peppings Kleiner Messe und anderen Chorkompositionen (Prof. Alexander Wagner) sowie Konzerte mit Orgelwerken aus dem Großen Orgelbuch und der Sammlung Praeludia/Postludia (LKMD Christian Schlicke).

In der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche, Berlin, fand am 14. Oktober 2001 um 10.00 Uhr ein Gottesdienst aus Anlass des 100. Geburtstages von Ernst Pepping statt, in dem ausschließlich Kompositionen des Jubilars erklangen. Der Chor der Luther-Gemeinde, Berlin-Spandau (Leitung: Mathias Bender), und die Kantorei der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche (Leitung: Helmut Hoeft) sangen seine Motetten Das Gleichnis vom Unkraut zwischen dem Weizen, Herr, neige deine Ohren und Lobet, ihr Knechte, den Herrn, darüber hinaus musizierte LKMD Christian Schlicke eine Reihe von Choralbearbeitungen. Generalsuperintendent Martin Michael Passauer würdigte in der Begrüßung Person und Schaffen Ernst Peppings. In der Predigt (über 2. Mose 20, 1-17) brachte er die Dankbarkeit der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburgs für Peppings langjährige Unterrichtstätigkeit an der Spandauer Kirchenmusikschule zum Ausdruck, mit der er Generationen von Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusikern geprägt habe. Wörtlich hieß es: Sein musikalisches Credo (...) ist das Lob dieses Schöpfers gewesen – des Schöpfers, der den Menschen zur Freiheit verholfen hat. Der Gottesdienst wurde von Radio Kultur, dem gemeinsamen Kulturradio von SFB und ORB, live übertragen.

Auf der Homepage der Ernst Pepping-Gesellschaft (Adresse siehe Impressum) ist das im September 2001 von Ute Henseler aktualisierte Verzeichnis der Werke Ernst Peppings einsehbar und kann von dort aus auch ausgedruckt werden. Die Vorteile des Internet, das – im Unterschied zu gedruckten Medien – jederzeit Ergänzungen und Aktualisierungen ermöglicht, kommen gerade in diesem Falle voll zum Tragen.

Ab der nächsten Ausgabe (Heft 8) werden die Mitteilungen der Ernst Pepping-Gesellschaft redaktionell von Prof. Dr. Sven Hiemke (Hermann Kauffmann-Str. 37 in 22307 Hamburg betreut. Bitte wenden Sie sich ab sofort in allen das Mitteilungsblatt betreffenden Belangen an ihn.

 


IMPRESSUM: Mitteilungen der Ernst Pepping-Gesellschaft (ISSN 1438-9487),

hrsg. von der Ernst Pepping-Gesellschaft e.V., Prof. Dr. Michael Heinemann, Patty Frank-Weg 10, 01445 Radebeul. Erscheinungsweise: zweimal jährlich, Vertrieb: kostenlos für die Mitglieder der Gesellschaft.

Redaktion: Prof. Dr. Reinhard Schäfertöns (V. i. S. d. P.), Sachsendorfer Str. 16, 03046 Cottbus