Heft 9, Juni 2003

ISSN 1438-9487

Editorial

 

Eine Frage, bitte: Haben Sie noch Aufnahmen mit Werken Peppings? Unsere Gesellschaft plant nämlich den Aufbau eines Schallarchivs. Neben den SFB-Aufnahmen (die weiterhin für 8 Euro pro CD plus Versandkosten über Anselm Eber bezogen werden können), werden derzeit auch Aufnahmen vom Rias Berlin und des WDR recherchiert. Herr Eber nimmt auch Ihre Auskünfte zu weiterem Tonmaterial gern entgegen.

In der letzten Ausgabe des Mitteilungsblattes hatten wir Sie um Einzugsermächtigung für die Jahresbeiträge ersucht. Viele Mitglieder haben dieser Bitte um Arbeitserleichterung bereits entsprochen – vielen Dank dafür! Diese Hilfe ermutigt uns, auch folgendes Anliegen an Sie zu wiederholen: Zur Vorbereitung einer effektiven Mitgliederakquise benötigen wir Ihre Namensvorschläge, die Sie bitte an Rainer Winkel (Erikaweg 19, 32429 Minden) baldmöglichst übersenden wollen.

Die nächste Jahreshauptversammlung unserer Gesellschaft findet am Sonntag, den 14. September 2003 in Berlin statt (Einladung folgt). Freuen Sie sich darauf: Zum 100. Geburtstag des langjährigen Leiters des Staats- und Domchors und engen Pepping-Freundes Gottfried Grote wird das Rahmenprogramm an diesem Tag darauf abgestellt sein, die Künstlerfreundschaft zwischen Pepping und Grote zu beleuchten und zu feiern.

Aus der Korrespondenz zwischen Pepping und dem Schott-Verlag (II/III)

 

Ende Oktober 1940 hatte Pepping seinen Verleger Ludwig Strecker mit der Idee zu einem Ballett über das Grimmsche Märchen Der Fischer und sine Fru konfrontiert. Strecker antwortete postwendend, signalisierte großes Interesse an dem Projekt und versprach, sich mit einem Ballett-Experten zu beraten und sich dann wieder zu melden. Zwei Wochen später aber schrieb Pepping erneut an Strecker, um nunmehr konzeptionelle Details der projektierten Komposition vorzustellen.

Berlin-Spandau, den 16. November 1940

Lieber Herr Dr. Strecker!

Ich danke Ihnen für Ihr Interesse für meine Ballettpläne und freue mich, dass Sie sich die Sache überlegen und auch mit Ballett-Sachverständigen besprechen wollen. Derweilen habe ich mir die Geschichte gleichfalls durch den Kopf gehen lassen und sehe hier und da schon etwas klarer. Es sind vorläufig nur vage Umrisse und vieles ist noch in Nebel gehüllt. Doch liegt mir daran, Sie über den jetzigen Stand der Dinge zu unterrichten, damit Sie wissen, wo es fehlt und wo Sie mit kundiger Hand als Jupiter der Bühne einige Sonnenstrahlen gegen den Nebel schleudern sollten.

Es ist nötig – wie bereits erkannt –[,] die Folge der Märchenbilder zu kürzen. Insbesondere scheint es mir nicht ratsam, den Papst auf die Bühne zu bringen. Dieser als Herrscher der Christenheit hat heute keine unmittelbare Überzeugungskraft mehr, worauf es doch in einem Ballett ankäme. Auch liesse sich wohl kaum die nötige Suite von Bischöfen und Kardinälen in leibhaftige rhythmische Beschwingtheit bringen. Anderseits aber wäre es schade, damit auf die fussfällige Devotion gekrönter Häupter zu verzichten. Ein Ausweg wäre, die Scene im Kaiserpalast besonders üppig, in märchenhafter Übersteigerung zu bringen, quasi orientalisch (aber nur quasi, bloss nicht mit den bekannten Krummsäbeln und Odalisken!): tempelartiger Palast mit himmelhohem Thron, unter dem sich Priester und Ritter bewegen und Könige mit Kronen auf den Häuptern den Pantoffel der thronenden Majestät küssen. Und wenn ich noch weitere, unwesentlichere Bilder streiche, so bleibt die Folge: Kate – Gutshof – Schloss – Palast.

1. Bild (Kate): Meeresstrand, im Hintergrund eine ärmliche Hütte, aus der später die Frau die Bühne betritt. Der Anfang ergibt sich von selbst: und he angelt und angelt. Also Fischer allein, wirft die Angel aus, zieht sie nach gemächliger Zeit wieder ein: nichts, wirft sie wieder aus, zieht sie ein: nichts, wirft sie aus, zieht sie ein: Der Butt, Chorklang (Chor auch später in allen Scenen Fischer – Butt als Ausdruck des Märchenhaften, aber schon das Problem: singt der Chor Text oder kommt er ohne aus!) und die Handlung entwickelt sich wie im Märchen. 2. Scene (nachdem der Fisch entfernt ist): Fischer und Frau, hier lassen sich tänzerisch gewiss die Erzählung des Fischers von dem so grossen Fisch und die Einwände der Frau darstellen. 3. Scene wieder Fischer und Butt.

2. Bild (Gutshof) Scene vor dem Haus, Garten, Blumen, Sonne, Pastorale, ländliches Treiben, neben dem bekannten Ehepaar Nachbarn, Volk, Kinder und ich weiss nicht was. Schwierig ist jetzt wie immer die Motivierung des neuen Wunsches der Frau, die natürlich stets bildhaft erfolgen müsste. Sie liesse sich etwa dadurch erreichen, dass eine fürstliche Karosserie am Hause vorbeifährt, Bücklinge des Volkes und natürlich auch des Fischers, die Frau sieht solcherart das Mehr und der Sinn des sich jetzt anschliessenden Duos Fischer und Frau wäre klar.

3. Bild (Fischer und Butt): Hier ist es wichtig, dass die Scene ganz anders als im ersten Bild ausschaut, damit der Witz, dass das letzte Bild haargenau mit dem ersten übereinstimmt, nicht verpatzt wird.

4. Bild (Schloss): Ich denke an ein festliches Mahl im fürstlichen Schloss, prächtige Tafel, glänzende Schar von Gästen, viel Bediente, fressen und saufen. Und jetzt: woher die neue Wunschmotivierung finden? Verdammt schwierig. Etwa:

5. Bild: Nacht, sehr üppiges Paradebett, in dem die beiden schlafen. Traum der Gattin: Gestalten der späteren Palastscene erscheinen, vielleicht auch eine Andeutung (bildlich und musikalisch) der späteren Scenerie. Die Frau schreckt aus ihrem Traum auf, weckt ihren Mann, diesbezügliches Duo (Die beiden tragen glücklicherweise ausgesprochen bühnenmögliche Nachtgewänder) usw.

6. Bild: wie 3. Bild.

7. Bild (Palast) Scenerie wie eingangs dargestellt. Aber wieder das Wunschproblem! Die aufgehende Sonne des Märchens ist herrlich plastisch und man kann kaum auf sie verzichten. Darf man annehmen, dass sich die Palastscene nachts abspielt und sich bis zum Morgen hin ausdehnt, so funktioniert es: Sobald das kaiserliche Ehepaar allein zurückbleibt (sie bleibt noch ein wenig oben sitzen und er bewundert sie), könnte sich schliesslich ein (grosses) Fenster im Hintergrund öffnen, durch das die aufgehende Sonne sichtbar wird (Aber vielleicht kann man die Sache auch anders drehen). Anschliessend sehr aufgeregtes Tanzduo.

8. Bild: wie Bild 3.

9. Bild: Scenerie wie zu Anfang. Und jetzt kommt die grösste Schwierigkeit: Wie endet die Sache? Das mit der Schöckschen Zufriedenheit der Armut ist wenig glaubhaft. Die Frau wird nie zufrieden sein und der Mann war es ja ohnehin immer. Die Götter rücken ganz sachlich die Dinge wieder zurecht und nichts ist gewesen. Die Pointe kann, wie mir scheint, nur sein die Heitere Blamage. Zurück bleibt allenfalls (Anregung von befreundeter Seite) die Erinnerung, die sich in einer letzten Variation des Themas musikalisch ja sehr schön ausdrücken liesse und in der schauspielerischen Darstellung natürlich bei den beiden verschieden funktionieren würde. Es wäre denkbar (Anregung gleicher Quelle), dass der Mann aus der prächtigen Vergangenheit einen geliebten Gegenstand zurückbehalten hätte (da es ein Märchen ist), diesen jetzt hervorholt, liebevoll betrachtet, worauf die Frau gemäss ihrer Art prompt reagiert, indem sie vor Scham bis hinter die Ohren rot wird, wütend den Gegenstand an sich reisst, mit ihrer Schürze umwickelt und ins Meer wirft, worauf letzteres heiter lächelnd (denn jetzt ist alles in der Reihe und der vorige Zustand ohne Rest wiederhergestellt) und möglicherweise mit entsprechend sanftem Chorklang die Angelegenheit beendet. Aber diese Möglichkeit befriedigt mich noch nicht hundertprozentig. Da ein forte-Abschluss schlechterdings nicht möglich ist, müsste das piano-Ende wenigstens einen kleinen witzigen Schnörkel aufweisen, ähnlich dem Aktschluss Meistersinger nach der Prügelscene oder dem entsprechenden Aktschluss “Rosenkavalier. Natürlich anders als dort, aber mit gleicher Wirkung. Ich weiss es nicht, Sie werden es wissen.

Damit habe ich Ihnen und mir notiert, was ich notieren wollte und grüsse Sie herzlichst

Ihr

Ernst Pepping

Kurze Zusammenfassung der Mittel

Musik: ich weiss nicht, da ganz von der endgültigen Form der Handlung abhängig. Wahrscheinlich eine sehr freie Variationenform a la Pepping. Steigerung bis zum vorletzten Bild, vielleicht auch in Richtung der Orchesterbesetzung. Bunt und tänzerisch, denn ich liebe sehr das Märchen. Butt: Chor (nicht zu klein besetzt)

Bild: 6 verschiedene Bilder (denn 1 und 9 sowie 3, 6 und 8 sind identisch), unmittelbarer Wechsel von Bild zu Bild, per Drehbühne wohl kaum Problem. Bild muss Humor, Volkstümlichkeit, modern einfache Linie haben.

Tanz: 3 tutti-Scenen mit dem gesamten Ballett (Bild 2, 4, und 7), 5 Tanzduos Fischer und Frau (1, 2, 5, 7, 9), 5 Solis (die Buttscenen Bild 1, 1, 3, 6, 8). Der Butt erscheint natürlich nur andeutungsweise. Aufführungsdauer: unter 1 1/2 Stunden gehts schwerlich. Wieviel darf diese Zeitdauer überschritten werden, ohne dass man damit übliche und praktische Grenzen überschreitet?

Kurz notiert:

 

CD-Neuerscheinungen: Nach dem Konzertmitschnitt mit ausgewählten Liedern des Paul-Gerhardt-Liederbuches in der Interpretation von Dörthe Maria Sandmann (Sopran) und Cornelia Maaz (Klavier) liegt nun eine weitere empfehlenswerte Teileinspielung des Zyklus vor, die das Dresdner Label Horos mit Gertrud Günther (Sopran) und Dietlind Baumgarten (Klavier) produziert hat. Bestelladresse: www.horos.de, Nr. HO 11202, Preis: 17,-- Euro (plus Versand).

Matthias Jung und das Sächsische Vokalensemble haben den Pepping-Zyklus Heut und ewig bei Tacet eingespielt. Die CD erscheint in Kürze. Nähere Informationen unter: www.tacet.de.

Klaus Knall und das Collegium vocale Zürich haben im März und April 2003 in Basel, Bern, Tübingen und Zürich Peppings Passionsbericht des Matthäus aufgeführt.

 


Impressum: Mitteilungen der Ernst-Pepping-Gesellschaft (ISSN 1438-9487),

im Auftrag der Ernst-Pepping-Gesellschaft e. V. hrsg. von Sven Hiemke, Hermann-Kauffmann-Str. 37,

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Erscheinungsweise: zweimal jährlich. Vertrieb: kostenlos für die Mitglieder der Gesellschaft.